Im Gegensatz zum ersten Szenario ist diese Ausstellung aber Wirklichkeit. Sie fand am 23. und 24. Mai 2026 statt. Organisiert wurde sie von Pang Donghua, die manche von euch vielleicht 2024 beim Carrefour de Patchwork in Sainte-Marie-aux-Mines in Frankreich kennengelernt haben. Die Idee stammte aus einem Kurs, den ich 2025 in China gehalten habe.
Um es gleich vorwegzunehmen: Als ich im Vorfeld meines Aufenthalts ein Kursprogramm zusammengestellt habe, in dem ich auf die Ornamente in den Holzgittern vor den Fenstern traditioneller chinesischer Häuser eingehe, kam ich mir schon komisch vor. Kulturelle Aneignung war und ist in aller Munde (auch in China) und überhaupt: Brauchen die Chinesen wirklich eine Deutsche, die ihnen etwas über ihre eigenen Fenstergitter erzählt? Mit Sicherheit nicht. Und daher war der Inhalt des Kurses auch nicht, welche Symbolik hinter den Mustern steht, sondern wie man sie näherisch umsetzt. Zu meiner großen Überraschung war dann auch genau dieser Kurs derjenige, den sich Pang aus einem Programm mit vier weiteren Angeboten für meinen Kurs in Ningbo ausgesucht hat.
Wie erwähnt, hatte Pang im September des Vorjahres die Ausstellung in Frankreich besucht. Dort hatte es ihr die EQA-Ausstellung „Vögel“ besonders angetan. Diese Kleinformatausstellung zu einem Thema wollte sie gerne in China einführen. Als dann der Kurs mit den chinesischen Fenstern in Ningbo so gut ankam, hat sie quasi als Nachhall eine Ausschreibung an den Textilfachschulen in der Provinz Zhejiang veröffentlicht: ein chinesisches Fenster in der Größe 40 × 40 cm zu nähen. Innerhalb eines halben Jahres kamen 100 Quilts zusammen. Die erste Ausstellung fand im Rahmen des jährlichen Patchworkfestivals in Keqiao statt. Und jetzt der Drum Tower in Ningbo.
Der Trommelturm, wie er auf Deutsch heißen würde, wurde 821 in der Tang-Dynastie gebaut und diente zunächst als Uhrturm und zugleich als Wachturm. Die Uhr im Inneren war wohl eine Wasseruhr, wobei die genaue Form heute nicht mehr bekannt ist. Statt Glocken wie bei uns waren große Trommeln aufgestellt, mit denen die Zeit bekannt gegeben wurde. Im frühen 20. Jahrhundert wurde der Turm zur Feuerwache umfunktioniert und mit einer modernen Uhr und einer Glocke ausgestattet, die als Feueralarm verwendet wurde. Heute ist der Turm Teil eines Areals, in dem traditionelle Häuser als Tourismusort rekonstruiert wurden. In dem Turm finden Kulturveranstaltungen statt.
Und so auch unsere Patchworkausstellung. Täglich kommen ca. 2.000–3.000 Besucher:innen vorbei. Sie lassen sich Patchwork erklären – und so wird die Begeisterung für diese Handarbeit auch in China weiterverbreitet. Eine Begeisterung, die aus einer Kooperation von deutschen und chinesischen Patchwork-Künstlerinnen entstand und zeigt, was eine interkulturelle Zusammenarbeit bewirken kann.
Barbara Lange