Reise nach Peking

China ist noch weitestgehend ein weißer Fleck auf der Patchwork-Landkarte und daher hat es mich umso mehr gefreut, als ich eingeladen wurde, meine Arbeiten beim 2016 China International Patchwork Invitational Tournament & Patchwork Arts Show zu zeigen. Zusätzlich war Gül Laporte eingeladen, Quilts aus Europa zu präsentieren – darunter Arbeiten von Uta Lenk, Jana Sterbova, Isabelle Wiessler, Genevieve Attinger, Alicia Merrett und Olga Gonzales Angulo.

Dieses Festival fand erst zum zweiten Mal statt und ist dementsprechend noch recht klein – aber absolut professionell organisiert. Als wir ankamen, wurde erst einmal alle Quilts kontrolliert, gezählt und auf einer Liste abgehakt – alles mit Handschuhen. Danach wurden die Arbeiten von einem riesigen Team aufgehängt; wir hatten damit nichts mehr zu tun. Alle Quilts waren mit roten Absperrbändern versehen, so dass sie nicht angefasst werden konnten und beim Abbau ging es in umgekehrter Reihenfolge genauso. Und so sollte es ja auch sein. Ist es aber nicht immer. In China schon.

Die Veranstaltung fand in dem Institut für Mode Design statt. Allein das Gebäude war schon sehenswert. Alle Räume waren von minimalistischer Eleganz, aber immer mit Bezug auf die chinesische Kultur. Und genau diesen Eindruck hatte ich auch von den Quilts, die die Chinesen selbst ausgestellt haben. Das Niveau der Arbeiten war sehr unterschiedlich, aber die asiatische Prägung war durchweg spürbar. Auffallend, dass fast ausschließlich mit Baumwollstoffen gearbeitet wird. Eigentlich hatte ich viel mehr Seide erwartet (und erhofft). Wenn mit Seide gearbeitet wird, dann mit Seiden Organza, um Pojagis anzufertigen, oder um die spezielle Technik von Jin Yuan Shan umzusetzen. Bei den Pojagis und überhaupt beim Handquilten wird ein spezieller dreifach Stich verwendet, erst dann kommt eine größere Lücke, bevor die nächste Dreiergruppe genäht wird. Diese Technik wurde auch in der preisgekrönten Jacke angewandt, die von dem Künstler Wen Jinaji angefertigt wurde. Er ist Angehöriger der ethnischen Minderheit der Miao. Seine Frau Shengmei Tai hatte ebenfalls ausgezeichnete Applikationen auf schwarzen Grund ausgestellt. Alle Quilts stellen Legenden der Miao dar.

Vergangenes Jahr hatte die Japan Handicraft Instructors‘ Association 15 Lehrerinnen zu dem Festival geschickt, um quasi Starthilfe zu leisten. Dieser Einfluss war auch dieses Jahr in manchen Arbeiten zu sehen. Insgesamt hatte ich aber den Eindruck, dass die Chinesinnen sich ihrer kulturellen Wurzeln durchaus bewusst sind und diese weiter pflegen werden, ohne allzu viel Einfluss von außen einfließen zu lassen.

Dies wurde auch in dem Kurs deutlich, den ich zum Thema Farbgestaltung gehalten habe. Dabei war mir wichtig, nur aufzuzeigen, nach welchen Prinzipien im westlichen Kulturkreis gearbeitet wird und inwieweit die kulturelle Prägung bei der Farbwahl eine Rolle spielt. Und dabei kamen die unterschiedlichsten Auffassungen von Farbe zutage. Manche Übungen wurden von den Teilnehmern komplett anders gelöst, als in Kursen, die ich in Europa gehalten hatte. Ich hoffe, dass die chinesischen Quilterinnen sich dieses Farbempfinden bewahren und in den kommenden Jahren nicht an einen Stil von Europa, Amerika oder Japan angleichen.

Überhaupt wird es interessant sein, zu sehen, wie sich die Szene weitereinwickelt. Das Publikum und die Kursteilnehmer waren überwiegend zwischen 20 und 30 Jahre alt. Im Vergleich zu uns also sehr jung. Meiner Meinung nach kommt da in den nächsten Jahren eine riesige Welle auf uns zu. China wird nicht mehr lange der weiße Fleck auf der Patchwork-Landkarte bleiben.