Gedanken und Hoffnungen zur Anerkennung einer neuen Kunstgattung

Europäische Art Quilts und das neue Interesse an Textil seitens der Kunstszene

Europäische Art Quilts und das neue Interesse an Textil seitens der Kunstszene

Zwischen 13.9. 2015 und 14.8.2016 zeigte die 6. Europäische Quilt-Triennale in Heidelberg und danach in Dormagen Deutschland, Sankt Gallen Schweiz und Birmingham England die Werke von 45 Künstlern aus 10 europäischen Länder. Es hatten sich 136 Künstler aus 21 Ländern beworben, die meisten davon aus Deutschland (58), der Schweiz (24), Großbritannien (13) und Frankreich (8). Dass die Bewerberzahl in früheren Jahren höher war ist ein Phänomen, unter dem fast alle Quilt- und Textilkunstveranstaltungen zurzeit zu leiden haben. Das neue Interesse an der Textilkunst seitens der freien Kunst* hat sich hier noch nicht bemerkbar gemacht.
Daneben gibt es noch eine Reihe wichtiger Veranstaltungen wo ebenfalls europäische Quilts von hohem Niveau gezeigt werden, wie die European Art Quilts (EAQ) Ausstellung, die von der EAQ Stiftung in Holland organisiert wird [ und die mittlerweile eingestellt wurde: Anm. d. Red.], sowie die Ausstellungen der internationale Gruppe Quilt Art  (www.quiltart.eu). In allen diesen Veranstaltungen fehlt die Beteiligung Russlands!
In der modernen Kunst heißt es oft, dass die Technik unwichtig sei; das gilt nicht für die Quiltkunst, denn hier trägt die Technik eine ganze Menge zur Wertschätzung bei.
Wie geht es nun weiter mit der Quiltkunst, hat doch diese 6. Triennale wieder bewiesen, wie unerschöpflich das Medium ist. Geben wir uns damit ab, dass die Veranstaltungen zunehmen, die Bewerberzahlen hingegen abnehmen, ohne dass eine angemessene öffentliche Wertschätzung in Europa erreicht worden ist? Auch sind die Teilnehmer zumeist nicht die Jüngsten, Grund dafür, dass es in Heidelberg einen extra Preis für junge Künstler gibt.
Die Heidelberger Biennalen & Triennalen haben zwischen 1984 und heute geschätzten 1500 Patchwork-/Quiltkünstlern die Gelegenheit geboten, sich aneinander zu messen, und den Ausgewählten die Möglichkeit, sich dem Publikum vorzustellen. Das ist der große Verdienst der Initiatorin Doris Winter und ihrer Familie sowie von der jetzigen Kuratorin Dr. Kristine Scherer. Aber kann man immer so weitermachen und in Quiltkunstausschreibungen nach den zwei bis drei Lagen Stoff verlangen, wenn die Künstler sich bereits weiter entwickelt haben? Die Heidelberger Quilt-Triennale fördert bereits solche Innovationen und Grenzüberschreitungen und gilt als sehr offen (als Voraussetzung zur Teilnahme sind hier zwei Lagen Stoff gefordert Will man konsequent sein, müsste man die Kriterien noch freier definieren, weil die Künstler – vor allem die Jüngeren – ihre Kunst längst nicht mehr entlang der Kategorie Quilt gestalten. Dann wäre es an der Zeit, auch über einen neuen Namen nachdenken (z.B. Doris Winter-Triennale für Textilkunst).
Das anfangs erwähnte neue Interesse seitens der Bildenden Kunst und des Kunstpublikums an Textilkunst bezieht sich zunächst vor allem auf Textilkünstler, die schon lange tot sind (wie zum Beispiel die Tapisserieweberin Hannah Ryggen, die auf der letzten Documenta in Kassel gezeigt wurde) oder auf Künstler, die sich im Dunstkreis der "Freien Kunst" befinden (wie zum Beispiel Rosemarie Trockel). Louise de Bourgeois` Stoffcollagen werden international in Ausstellungen bewundert und in Büchern gezeigt. Es handelt sich dabei um Arbeiten, die bei der Quilt-Triennale nicht einmal besonders aufgefallen wären. Warum nimmt das Publikum solche Arbeiten zur Kenntnis und warum bleibt die Quiltkunst – zumindest in Europa – eine unbekannte Kunstgattung? In den USA haben es die Quiltkünstler immerhin geschafft, von Kunst-Galerien vertreten zu werden und gute Preise für ihre Werke zu erzielen.
Auch bei den anderen textilen Gebieten wie z.B. bei der Tapisserieweberei, der Jacquardweberei, der Schaftweberei, der Stickerei, der Spitzenkunst und der Filzkunst herrscht ein ähnlicher Mangel an öffentlicher Anerkennung vor. Dieses Missverhältnis zwischen öffentlichem Interesse an Kunst mit Textil und der Realität, wie sie die Textilkünstler erleben, ist in Europa ganz extrem; aus diesem Grund haben z. B. die italienischen Textilkünstler eine große retrospektive Ausstellung in einem wichtigen Museum in Rom veranstaltet, um sich gegenüber der Biennale von Venedig, wo ständig Textiles gezeigt wird, jedoch so gut wie nie von Textilkünstlern, zu Wort zu melden!
Analog dazu müssten auch die Textilkünstler Europas von sich reden machen! Es ist klar, dass jedes textile Gebiet für sich zu klein ist und zu wenig Ressourcen hat, um eine internationale Wanderausstellung zu organisieren; aber ich denke, dass alle diese Gruppierungen zusammen eine Kooperation wagen sollten, um gemeinsam die textile Kunst in all ihren Facetten dem Publikum zu zeigen und so die allgemeine Anerkennung zu heben! Nicht anstelle der eigenen Veranstaltung, sondern eher als ein zusätzlicher gemeinsam veranstalteter hoch-aufgehängter offener Wettbewerb. Das Ergebnis sollte dann durch die besten Museen in Europa wandern. Der erste Schritt wäre eine Zusammenkunft mehrerer wichtiger Veranstalter, um über die gemeinsame Zukunft nachzudenken. Sonst verpasst man eventuell das neu aufkommende Interesse an Textilkunst, weil jeder in seiner Nische verbleibt.
Wir haben in Europa zwar bereits eine Triennale, die weltweit Aufmerksamkeit erreicht: Die Triennale der Tapisserie in Lodz/Polen, die sich, anders als der Name vermuten lässt, auf die gesamte Textilkunst bezieht. Diese Veranstaltung bietet jedoch den Künstlern bislang keine Möglichkeit sich zu bewerben, da Berater die Kandidaten auswählen und vorschlagen. Eine Neuausrichtung dieser Veranstaltung wäre denkbar, da sich zurzeit ein Generationswechsel in Lodz vollzieht.
Das Fazit: Es braucht ein gezieltes Vorgehen einiger progressiver Veranstalter, um die Kräfte der Textilkunst in Europa zu bündeln und um aus dem Schatten heraus zu treten. Das Heidelberger Textilmuseum Max Berk, als eine von allen geschätzte wichtige Institution, scheint mir für eine solche Bündelung der Kräfte auf europäischer Ebene offene Ohren und den Willen zu haben, eine neue Wertschätzung der Quilt- und Textilkunst auf den Weg bringen.
Was die Mitwirkung russischer Künstler in diesem Prozess betrifft, so wäre es wichtig, wenn so viel wie möglich russische Künstler bei europäischen Wettbewerben teilnehmen. Die Mitgliedschaft in dem europäischen Netzwerk für Textil (www.etn-net.org ) würde über die Anmeldetermine und Daten aller wichtigen Ausstellungen absichern. Es ist zurzeit so, das nur wenige russische Textilkünstler außerhalb ihres Landes gebührend wahrgenommen werden. Von russischer Seite brauchte es einiges an Organisation. Eine Textilkunst-Gruppe (ob nun Patchwork/ Quilt oder Tapisserieweberei) wird viel schneller und besser Anschluß an gleichgesinnte Gruppen in Europa finden, als dies für individuelle Künstler möglich ist!

Beatrijs Sterk

Autorin von www.textile-forum-blog und ehemalige Herausgeberin der Zeitschrift Textilforum.
Hannover 18 Juli 2015

(*) Siehe zu diesem Thema die Artikel "Kunstaustellungen mit Textil im Dunstkreis der Kunstszene" und "Seit wann tauchen Textilien in der Kunst auf"  im Textile-Forum-Blog unter http://www.textile-forum-blog.org/de/2013/12/deutsch-ausstellungen-mit-t... und http://www.textile-forum-blog.org/de/2014/05/when-was-the-starting-point...

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